"Mein Weg" - Christopher Grobys (politische Bildung)

Christopher, 26 jahre, politische bildung

Copyright: Andy Libowsky
Copyright: Andy Libowsky

Berufliche Wege haben nicht immer etwas mit Logik und Vernunft zu tun. Viele verlaufen linear, andere sind verschlungen und offenbaren lange nicht, welches Ziel sie haben. Manchmal scheinen sie Umwege zu enthalten. Und manchmal sind gerade diese Umwege das, was wir brauchen um uns selbst zu ergründen.

 

Zwischen Christophers Schulabgang 2009 und dem Beginn seines Studiums 2017 liegen 8 Jahre. Was hat er in dieser Zeit gemacht?

 

Christopher meint einfach: „Ich wollte zu Hause raus, eigenes Geld verdienen, ne eigene Wohnung haben, unabhängig sein“. Gesagt, getan, Schule geschmissen. Von der Schule dann direkt in eine Ausbildung: Verfahrensmechaniker für Kunststoff und Kautschuktechnik bei enercon in Magdeburg. Aber schon nach einem Jahr die Feststellung: „Das war nix für mich auf Dauer, für den Rest meines Lebens. Oder auch nur für zwei weitere Jahre. Ich hab dann gekündigt.“

 

Und nun? „Erstmal wusste ich nicht: Wo will ich hin? Was will ich machen? Worauf hab ich denn überhaupt Lust?“. Christopher war dann erst mal arbeitslos. Zu dieser Zeit, im März 2011, machte er eine Weiterbildung beim Netzwerk für Demokratie und Courage (NDC). Hier fing er an, bei Projekttagen in Schulklassen, politische Inhalte zu vermitteln, Menschen zu sensibilisieren. „Das hat mir soviel Spaß gemacht und da hab ich gemerkt: Da hab ich Bock drauf, das liegt mir! Da kann ich authentisch arbeiten, mit jungen Leuten zusammenarbeiten, politische Inhalte vermitteln, die mir am Herzen liegen. Demokratische Inhalte.“

 

Es folgten 6 Monate Bundesfreiwilligendienst im Jugendbildungsbereich beim Landesjugendwerk der AWO. Hier begleitete er Ferienfreizeiten, Workshops und unterstützte die Mitarbeiter*innen bei der Organisation der Bildungsarbeit. Auch hier waren immer wieder politische Inhalte Bestandteil der Arbeit. Nebenbei arbeitete er weiterhin beim NDC.

 

Christopher hatte sein inhaltliches zu Hause gefunden. Politische Bildung! Schwerpunkte: Demokratieerziehung, Antidiskriminierung, Antirassismus.

 

Später dann nochmal 12 Monate Freiwilliges Soziales Jahr beim NDC selbst, NDC-Trainer*innenausbildung, Festanstellung und anderes. Inzwischen mit reichlich Weiterbildung und Praxiserfahrung ausgestattet, hat sich Christopher dann 2015 selbstständig gemacht: Als Referent für politische Bildung.

 

Er begleitet Seminarwochen im Rahmen der Freiwilligendienste, agiert als NDC-Trainer, bearbeitet für den NDC die Konzepte der Seminartage, gibt für verschiedene soziale Träger eigene Workshops zu seinen Schwerpunktthemen etc..

 

Christopher investiert immer wieder in Weiterbildungen um sein Angebotsportfolio zu erweitern und neue Kontakte zu knüpfen. Sein Einkommen ist nicht üppig aber ausreichend. Seine Lebenshaltungskosten sind gering. Er lebt außerhalb Magdeburgs in einem Wohnprojekt des Mietshäusersyndikats und hatte bis vor kurzem kein Auto. Dieser Lebensstil machte seinen Weg erst möglich. Wer im Monat hohe Fixkosten hat, ist mit Sicherheit nicht so flexibel wie Christopher.

 

Er ist zufrieden und sagt dennoch: „Wenn ich früher einen Studienplatz bekommen hätte und die Selbstständigkeit nebenher hätte machen können, wäre es leichter gewesen.“ Christopher hat sich mehrere Jahre an der Fachhochschule Magdeburg auf einen Studienplatz „Soziale Arbeit“ beworben, zum Wintersemester 2017 hat er endlich eine Zusage erhalten.

 

Hat es sich für dich gelohnt, diesen nonkonformen Weg gegangen zu sein?

 

"Also definitiv! Allein schon mit Blick auf das Studium...die Praxis die ich mitbringe. Ich habe vorher schon geschaut wo ich hinmöchte und konnte aussieben (die soziale Arbeit ist sehr breit gefächert Anm. d. R.). Auch die ganzen Leute, die ich kennen gelernt habe und die mich unterstützt haben."

 

Wo siehst du dich mit 30?

 

(Lacht) „Da hab ich noch keinen Plan gemacht. Vielleicht eine Festanstellung, vielleicht auch selbstständig oder beides. Vielleicht einen Master in Berlin an der Alice-Salomon (eine Fachhochschule Anm.d.R.). Ich möchte mich noch weiterentwickeln. In der politischen Bildung gibt es noch andere Schwerpunkte, die ich ausprobieren möchte. Das möchte ich mir offen halten.“

 

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Und so darf man gespannt sein, wie Christophers Weg weiter verläuft und ich bin mir sicher: Der Mann trifft seine Entscheidungen wenn sie dran sind. Christopher hätte vieles eher, leichter usw. haben können, hätte er 2009 einfach durchgezogen und das Abi gemacht. Hat er aber nicht. Statt dessen ist er einen anderen Weg gegangen und hat dabei viel mitgenommen. Vielleicht war es für ihn erstmal dran, die Richtung zu finden. Er geht aufgeräumt, zielgerichtet und bewusst ins Studium und das mit reichlich "Berufserfahrung". Nur hat er eben erst die Erfahrung gesammelt und fügt sie jetzt in einen formellen Berufsrahmen ein. Wie ein Maler, der zuerst das Bild malt und dann den passenden Rahmen dafür aussucht oder auch nicht. Eine schöne Beschreibung für Nonkonformität. Viele andere suchen sich erst den Rahmen und gestalten das Bild dann nach dessen Vorgaben. Dabei geht ein Stück künstlerische Freiheit verloren. Manchmal ist dieses Stück entscheidend.  

 

Wer Lust hat, sich mit seinem eigenen beruflichen Weg auseinander zu setzen, hat dazu u.a. in Form einer Einzelsupervision die Möglichkeit. Manchmal lohnt es sich, beim Arbeitgeber anzufragen ob er, z.B,. im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagement oder zur fachlichen Unterstützung, Supervision genehmigt und finanziert.

 

 

 

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